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Puistola
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Strafe dient nicht dem Schutz der Gesellschaft

Beitrag von Puistola » 07 Juni 2010 17:41

Ralf-abc hat geschrieben: Wenn diese Gefahr nicht ausgeschlossen werden kann, dann muss der Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten der einzige relevante Faktor für die Urteilsfindung sein.


Ach, bitte werft doch nicht alles und jedes durcheinander.
Die Strafe bekommt der Täter für seine Tat, und die bemisst sich nach dem im StGB erwähnten Strafrahmen sowie nach den allfälligen Strafmehrungs- und -minderungsgründen.

Die Strafe dient NICHT zum Schutz der Gesellschaft vor gefährlichen Wiederholungstätern.
Dazu gibt es die Massnahme der Sicherheitsverwahrung (in CH: Verwahrung), die in klar definierten Fällen ausgesprochen werden kann, und die regelmässig überprüft werden muss. Die Verwahrung als Schutz der Gesellschaft orientiert sich an der Gefährlichkeit, d.h. der Wiederholungsgefahr, der Therapierbarkeit. Sie schaut also vorwärts, während die Strafe eher den rückwärtsschauenden Charakter der Sühne hat.

Ob der von Tim erwähnte Vergewaltiger allenfalls verwahrt werden müsste oder nicht, hat daher sehr wenig mit dem Strafmass zu tun.

P'la

Ralf-abc

Re: Strafe dient nicht dem Schutz der Gesellschaft

Beitrag von Ralf-abc » 07 Juni 2010 18:36

Puistola hat geschrieben:Ach, bitte werft doch nicht alles und jedes durcheinander.
Die Strafe bekommt der Täter für seine Tat, und die bemisst sich nach dem im StGB erwähnten Strafrahmen sowie nach den allfälligen Strafmehrungs- und -minderungsgründen.

Die Strafe dient NICHT zum Schutz der Gesellschaft vor gefährlichen Wiederholungstätern.
Dazu gibt es die Massnahme der Sicherheitsverwahrung


Stimmt natürlich.
Nur erscheint es mir bei der Festlegung des Strafmasses nicht übermäßig sinnvoll, das Strafmaß erst wg. Minderungsgründen zu reduzieren und dann anschließed eine Sicherungsverwahrung zu verhängen.

riedfritz
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Verrannt?

Beitrag von riedfritz » 07 Juni 2010 19:53

Hallo Tim:
Der Strafrahmen sollte nur voll ausgeschöpft werden bei solchen Taten. ALLEN Tätern gegenübern. Rigoros.


Mit diesem Satz hast Du das Bild als bekennender Cjristenmensch, das ich von Dir hatte, vollkommen über den Haufen geworfen.

Gerade das christliche Menschenbild hat doch mindestens über die letzten 100 Jahre die Gesetzgebung, vor allem im Strafrecht, geprägt.

Dass neben dem Staatsanwalt, der eher die "nüchterne" Sicht des Staates und der beweisbaren Tatsachen vertritt, auch ein Verteidiger gehört wird, der auch die Situation und Problematik des Täters vorträgt, macht die Gerichte zu wichtigen Institutionen.

Dass es natürlich "Fehlurteile" geben kann, ist in der menschlichen Unzulänglichkeit begründet und zuweilen auch tragisch, andererseits bin ich der Überzeugung, daß in solch einem Prozess keine der Parteien es sich leicht macht, ein angemessenes (ich sage bewußt nicht: gerechtes) Urteil zu erreichen. Es gibt sicher auch viele von diesem "Fall" betroffene, die gar nicht berücksichtigt werden. Ich denke, dass dies beim besten Willen eine Utopie bleiben wird.

Dass Du es Dir mit der Forderung nach Höchststrafe zu leicht machst, haben Dir nun schon einige gesagt.

Viele Grüße

Fritz

riedfritz
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Diskussionsbedarf

Beitrag von riedfritz » 07 Juni 2010 20:10

wg. Minderungsgründen zu reduzieren und dann anschließed eine Sicherungsverwahrung zu verhängen.


Diese Frage ist berechtigt, und muss sicher nach den neuesten Urteilen des Europäischen Gerichtshofes neu überdacht werden.

M.E. ist es eben wichtig, die "Sicherungsverwahrung" in einer Weise zu gestalten, dass sie nicht mit einem weiteren Strafvollzug in einer "geschlossenen Anstalt" verglichen werden kann.
Ich denke dabei z.B. an die elektronische Fußfessel, wo man wenigstens den Aufenthaltsort eines bereits bestraften ehemaligen Täters weiterhin feststellen kann.

Ob das alles so funktioniert, wie es gedacht ist, kann ich nicht beurteilen.

Viele Grüße

Fritz

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Martin1970
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Beitrag von Martin1970 » 07 Juni 2010 21:42

Hmm... irgendwie interessant:
Einerseits wird gefordert, dass man die Folgeschäden eines Opfers stets berücksichtigt aber wenn einer dieser Folgeschäden die Tatsache ist, dass aus dem Opfer ein Täter wird, darf die Ursache auf einmal nicht mehr berücksichtigt werden.

Tim007
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Beitrag von Tim007 » 08 Juni 2010 08:02

Hallo Fritz,

ich habe dankbar registriert, dass Du von "Sicherungsverwahrung" und nicht von "Sicherheitsverwahrung" schreibst, wie der notorische Besserwisser P.

Man muss etwas differenzieren.

Natürlich ist meine Forderung, stets die Höchststrafe auszusprechen, überspitzt. Man muss den Einzelfall sehen, das ist wahr. Und man muss registrieren, dass ein Strafrahmen auch ausgeschöpft werden kann, was Ralf zu der zutreffenden Bemerkung veranlasste, dass es keiner Strafverschärfung bedarf.

Was ich lediglich zum Ausdruck bringen wollte, ist, dass man letztlich jeden Täter zum Opfer werden lassen kann. Deshalb hatte ich den nicht unüblichen kriminellen Werdegang aufgezeigt (zerrüttete Lebensverhältnisse, Heim, Verwahrlosung, Kleinkriminalität, ...)

Natürlich ist mir nicht ganz unbekannt, welche Rollen Staatsanwalt, Richter, Gutachter, Verteidiger im Strafprozess einnehmen. Doch auch diese sind nur Menschen. Ich habe als Beobachter diverse Verfahren erlebt, in denen das Mitleid nur dem Täter galt. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich nicht ein Verfechter eines fairen Prozesses wäre und im Übrigen Vertrauen in unseren Rechtsstaat habe, und das trotz vieler Skandalurteile. Dafür haben wir den Instanzenweg.

Das Überbetonen der Opferrolle eines Täters ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Konsequenterweise dürfte man dann keine Strafe mehr aussprechen. Denn wenn der arme Teufel aufgrund seiner individuellen Biographie für seine Bedürfnisse nichts kann ... dann ist jeder Opfer. Und das wiederum ist eine Ohrfeige für die wahren Opfer. (Martin, exemplarischer wird das, was ich meine, am Beispiel der Vergewaltigungen. Paradox wird es in der Tat, wenn man unterstellt, dass jeder, der Kinder sexuell missbraucht, eines tages selbst zum Täter wird.)

Nein. Von wenigen Fällen abgesehen, gehe ich davon aus, dass wir immer noch frei zwischen Recht und Unrecht entscheiden können. Hinzu kommt, dass der Opferschutz im geltenden Strafrecht zu kurz kommt. Es gibt Strafverfahren,bei denen die Opfer, wie es scheint nur stören.

Doch selbst wenn ich falsch läge, über alles kann man diskutieren, rechtfertigt es nicht die (für mich bezeichnende) Beschimpfung ("angewidert von solcher Selbstgerechtigkeit") des zwanghaften Wichtigtuers.

Es grüßt

Tim

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Puistola
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-ungs- statt -heits- und andere Differenzierungen

Beitrag von Puistola » 08 Juni 2010 08:24

Tim007 hat geschrieben:Man muss etwas differenzieren.

Natürlich ist meine Forderung, stets die Höchststrafe auszusprechen, überspitzt. Man muss den Einzelfall sehen, das ist wahr.
Und man muss registrieren, dass ein Strafrahmen auch ausgeschöpft werden kann, was Ralf zu der zutreffenden Bemerkung veranlasste,
dass es keiner Strafverschärfung bedarf.

Was ich lediglich zum Ausdruck bringen wollte, ist, dass man letztlich jeden Täter zum Opfer werden lassen kann.
Deshalb hatte ich den nicht unüblichen kriminellen Werdegang aufgezeigt (zerrüttete Lebensverhältnisse, Heim, Verwahrlosung, Kleinkriminalität, ...)

Natürlich ist mir nicht ganz unbekannt, welche Rollen ...


@Tim
So, nun ist besser.
Auch wenn ich selbst "nicht differenzieren" könne (-ungs- statt -heits-), kann ich sehr wohl
den Unterschied erkennen zwischen deinen Äusserungen oben und dieser hier:
Tim007 hat geschrieben:Der Strafrahmen sollte nur voll ausgeschöpft werden bei solchen Taten. ALLEN Tätern gegenübern. Rigoros.

Es freut mich, dass Du die Lektion verstanden hast.

Ob der Opferschutz im Strafprozess genügend berücksichtigt sei, kann ich nicht beurteilen.
Die primäre Aufgabe des Prozesses ist es aber nicht: Das ist die Auseinandersetzung mit dem Täter, mit dem Ziel, ein angemessenes Urteil zu finden.
Das kann durchaus auch die Höchststrafe sein.
Dass dabei das Opfer nicht untergepflügt werden darf, scheint mir eine Selbstverständlichkeit, die aber anscheinend
bei dem von Dir beobachteten Prozess vergessen wurde. Je nun, auch der Richter, der das Verfahren führte, ist nur ein Mensch.

P'la

Eule
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Beitrag von Eule » 03 August 2010 01:05

froeschin, ich habe deine Ausführungen
der untere Artikel ...Eingebrannt....
ist schon etwas älter, und befasst sich mit den
prägenden ,schrecklichen, traumatischen Erlebnissen in der Kindheit.

Es wurde die Veränderung des Hippocampusgewebe bei verschiedenen Kontroll -Gruppen untersucht
und eine Kodierung des menschlichen Nervensystem festgestellt.
lange in mir wirken lassen. Ich halte diese Feststellung bzw. Schlussfolgerung für sehr problematisch.

Auch wenn die Aufarbeitung von traumatischen Erlebnissen, insbesondere, wenn diese in der Kindheit oder gar frühen Kindheit erfolgten, sehr schwierig ist, so halte ich diese doch für leistbar.

In meinem beruflichen Leben habe ich unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ja, ich konnte Problemlösungsstrategien beobachten, die über mehrere Generationen liefen. Aber von einer Genveränderung oder Einbrennen in den Genen würde ich hier nicht reden. Dieses gehört alles zum Bereich des Lernprozesses.

Liebe Leute, hört mir doch mit dem dummen Geschwätz bezüglich des Strafrechts auf. Ich, der die meiste Zeit meines Lebens mit den Tätern gearbeitet habe, habe stets auch die Opfer und die potentiellen Opfer im Blick gehabt. Bevor über die "gerechte" Strafe gesprochen wird, sollte mal die Frage der Schuld gestellt und beantwortet werden! Wann ist jemand für sein Handeln verantwortlich? Wann lädt jemand also Schuld auf sich? Welchen Zweck soll die Strafe dienen? Was ist Sühne?

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